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Erweiterte DNA-Analysen in der Forensik: Möglichkeiten, Herausforderungen, Risiken

Willkommen auf der Website unserer Initiative, die am Lehrstuhl für Wissenschaftsforschung (Science and Technology Studies) der Universität-Freiburg angebunden ist.

Seit November 2016 haben ErmittlerInnen, PolitikerInnen und JournalistInnen die Forderung erhoben, die Anwendung erweiterter DNA-Analysen in der Forensik in Deutschland gesetzlich möglich zu machen. In vielen Medien geriet die Darstellung dieser Technologie frappierend einseitig. Aus unserer Perspektive wird diese komplexe Thematik viel zu unkritisch verhandelt, weshalb wir uns vorgenommen haben, die Debatte um kritische Positionen zu erweitern – oder vielmehr erst einmal eine richtige Debatte anzustoßen.

Seit Dezember 2016 haben wir, eine interdisziplinäre Initiative von WissenschaftlerInnen, mehrere Stellungnahmen verfasst, in denen wir uns kritisch mit dem Einsatz von erweiterten DNA-Analysen in der Forensik sowie mit den derzeit diskutierten erweiterten Befugnissen zur Speicherung von DNA-Profilen durch Ermittlungsbehörden befassen.  Unsere Positionen, Informationen zu unserem Symposium am 9./10.06.2017 sowie weiterführende Informationen finden Sie auf diesem Blog.

19.07.2017 >> Aktueller Stand unserer Diskussion der statistischen Angaben in den Gesetzesanträgen

Seit März haben wir mehrfach darauf hingewiesen: Die Wahrscheinlichkeitsangaben in den Gesetzesanträgen sind KEINE Vorhersagegenauigkeiten, sondern AUCs. Um den Zusammenhang zwischen diesen beiden verschiedenen statistischen Größen zu klären, haben wir Dr. Amke Caliebe (Kiel) für den 14.7.2017 zum Vortrag nach Freiburg eingeladen. Dr. Caliebe hatte im Mai 2017 zum Problem der Wahrscheinlichkeitsberechnung für die Augenfarbe in europäischen Anwendungskontexten publiziert (siehe „Ressourcen“). Die Diskussion ergab, daß bisher tatsächlich keine generellen Vorhersagegenauigkeiten existieren.

Andererseits müssen wir in den nächsten Wochen diskutieren, inwiefern das von uns verwendete Dorf-Beispiel geeignet ist oder nicht, um der Komplexität gerecht zu werden: Insbesondere zur Populations- bzw. Häufigkeitsabhängigkeit der gefragten Werte läßt sich momentan noch keine generelle Aussage treffen. Für zwei Augenfarben – blau und braun – hat Dr. Caliebe ein Verfahren entwickelt, das zum Beispiel in acht Ländern Europas, je nach Land, zu Werten zwischen 78% und 98% für blaue Augen kommt, ohne, daß eine Prävalenzanpassung für die Bevölkerung vor Ort durchgeführt werden muß. Ob ähnliche Werte für andere Augenfarben und andere Merkmale in anderen Ländern erzielt werden, ist derzeit nicht abzusehen. Da blaue und braune Augenfarbe die Merkmale mit dem am besten verstandenen genetischen Hintergrund sind, scheint dies plausibel; für Hautfarbe könnten die Werte anders aussehen.

Es fehlen derzeit zahlreiche Studien, um zu validierten Aussagen über die Vorhersagegenauigkeiten zu gelangen. Das Dorfbeispiel werden wir überdenken und gegebenenfalls für jene Merkmale, für die es zutrifft, neu ausarbeiten. Es bleibt dabei, daß die Zahlen in den Gesetzesanträgen und im Bericht der Kommission des BKAs und der LKAs (publiziert von der Innenministerkonferenz) keine validierten Vorhersagegenauigkeiten sind. Wir werden uns weiterhin so zeitnah wie möglich mit neuen Studien auseinandersetzen und auf dieser Seite über den Diskussionsstand informieren.

 

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Diese Seiten werden editorisch betreut von Prof. Veronika Lippardt (Science and Technology Studies, University College Freiburg) und Prof. Anna Lipphardt (Institut für Kulturanthropologie, Universität Freiburg).